
Updates from the second night of the General Strike in Athens
Archiv für Juni 2011
Interview mit dem hier bereits erwähnten J. Moore:
Auszug:
Sie betonen, wie wichtig niedrige Nahrungsmittelpreise für das Funktionieren des kapitalistischen Weltsystems sind. Gilt das auch für die neoliberale Phase seit den frühen 1970er Jahren?
(mehr…)Jason Moore: Der Kapitalismus beruhte bis in die 1980er, 1990er Jahre hinein auf einer Abfolge landwirtschaftlicher Revolutionen. Durch große Produktivitätssprünge in der Nahrungsmittelproduktion war es möglich, bestimmten entscheidenden Schichten der Arbeiterklasse im Zentrum des Weltsystems billige Lebensmittel zu verschaffen. Das wiederum ist entscheidend, damit die Löhne niedrig bleiben können. Der Kapitalismus war in diesem Sinne immer ein „System billiger Nahrung“, auch wenn viele Menschen auf dem Planeten von diesem System ausgeschlossen waren. Aber in gewisser Hinsicht „funktionierte“ das Weltsystem , insofern als es in den industriellen Zentren keine Hungersnöte oder Subsistenzkrisen gab. Die Kehrseite davon waren natürlich schreckliche Hungersnöte an den Rändern des Weltsystems, etwa in Südasien im späten 19. Jahrhundert, als Großbritannien Nahrungsmittel aus Indien importierte, während dort mehr als zehn Millionen Menschen verhungerten.
Die historische Phase ab 1973 war anders. Nahrung war zwar so billig wie nie zuvor – aber ohne dass die Produktivität der Landwirtschaft wuchs! Lebensmittel wurden verbilligt – nicht durch eine Revolutionierung der Landwirtschaft, sondern indem Nahrung aus dem globalen Süden in die Zentren umverteilt wurde und die Einkünfte der Bauern herunter gedrückt wurden. Handelsschranken wurden abgeschafft, durch die fortschreitende Liberalisierung entstand sozusagen eine globale Farm.
Überall auf der Welt wurden landwirtschaftliche Produzenten in eine Art Tretmühle eipannt. Durch die Schuldenkrise und mit politischem Druck wurden sie gezwungen, bei fallenden Preisen immer mehr zu produzieren. Beispielsweise stieg unter dem Schuldenregime der Strukturanpassungsprogramme in den 1980er und 1990er Jahre der Export von Agrarprodukten aus südlichen Afrika kontinuierlich weiter an, während die Einnahmen, gemessen in US-Dollar, gleich blieben oder sogar fielen!
